REIMEREI – Juni 2026

Gedichte, die nach Sommer klingen

Der Sommer ist die Jahreszeit des Lichts, der Fülle und der Lebensfreude. Sommergedichte fangen diese hellen Momente ein: das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, das Rascheln der Halme im Wind, den Duft reifer Früchte. Sie erzählen aber auch davon, dass der Sommer nicht ewig währt.

Foto: Lukas Gojda / Shutterstock.com

Geboren auf einer grünen Wiese

Grüne Wiesen sind nicht grün.
Gänseblümchen untern
Hahnenfüße obern
roter Klee mittelt
Kümmel schäumt
Vergissmeinnicht wolken
Sauerampfer rötelt
Dazwischen
wiest
die Wiese
wie Kinder sie malen
hellgrün mit viel Wasser
ein dunkelgrüner Fleck wo die Farbe nicht so
verwässert war.
Die Zittergräser zittern
zwischen und über
dem Gelbrotblauweiß
in koketter Beweglichkeit.
Der Schmetterling senkt den Halm
macht die Verbeugung rückgängig
elegant sein fedriges Leben
dem gelbblaurotweißen Schlemmen hingebend.
Grüne Wiesen
untern, obern, mitteln, schäumen, wolken, röteln, wiesen.
Geboren auf einer grünen Wiese
ist das Untern, Obern, Mitteln, Schäumen, Wolken, Röteln, Wiesen
verankert.
Kinderhirn,
das einmal zur Erntezeit
das Untern, Obern, Mitteln, Schäumen, Wolken, Röteln, Wiesen, Zittern,
Besuchen, Verlassen, Beugen, Aufrichten, das Grüngelbrotblauweiße
niemals
anheimgeben wird
dem Vergessen

(Barbara Schönegger)

Über die Autorin

Barbara Schönegger (1947–2025) war Lehrerin in Innsbruck. Besonders solche Schüler*innen, die sich schwer taten, lagen ihr am Herzen. In ihrer Freizeit schrieb sie wunderschöne Gedichte.

Jetzt seid ihr dran!

Arbeitet zu zweit:

o Im Gedicht heißt es, dass „grüne Wiesen nicht grün“ sind. Wenn man genau hinsieht, ist eine Wiese ein bunter Ort. Kennt ihr die Farben der genannten Blumen: Gänseblümchen, Hahnenfuß, Klee, Vergissmeinnicht, Sauerampfer, Kümmel?
Überlegt gemeinsam und überprüft eure Ergebnisse im Internet.

o Die Wiese „lebt“ – sie zittert, schäumt, rötelt, wolkt, mittelt, wiest. Das Gedicht zeigt, wie Sprache selbst lebendig sein kann, wenn man neue Wörter erfindet. Darf man das? Man darf das. Zumindest in Gedichten. Man nennt das Wortneuschöpfung oder Neologismus.
Erfindet zusammen mindestens zwei neue Wörter für eine Wiese, einen Wald oder einen Garten.

Foto: New Africa / Shutterstock.com

Strandbad

Anna schwamm.
Jan kam, Schal an.
Anna: Waaas? Schal? Warst krank?
Jan: Ja, lang. War fad.
Anna: Hach.
Jan: Machst Rast?
Anna: Klar.
Anna schwamm an Land.
Anna war nass.
Jan war da.
Warmer Sand.
Jans Hand nah an Annas Arm.
Jan: Anna?
Anna: Jaaa?
Jan: Magst …
Anna: Was?
Jan: … ähm … Pasta?
(Anna lacht.)

(Elisabeth Steinkellner)

Über die Autorin

Elisabeth Steinkellner wurde 1981 im Bezirk Neunkirchen in Niederösterreich geboren und wuchs dort auf. Sie schreibt vor allem Gedichte und Kurztexte. Sie liebt es, mit Sprache zu spielen und ungewöhnliche Regeln oder Muster auszuprobieren. Ihre Texte sind oft kurz, lustig und verspielt. Das Gedicht stammt aus dem Band „Vom Flaniern und Weltspaziern“. Sie lebt mit ihrer Familie in Baden bei Wien.

Zum Inhalt

Auf den ersten Blick wirkt das Gedicht wie eine kleine Sommergeschichte: Anna schwimmt, Jan kommt mit Schal, sie reden ein bisschen, und am Ende lacht Anna.

Alle Wörter enthalten den Buchstaben „a“. Elisabeth Steinkellner spielt hier mit Klang und Rhythmus der Sprache. Das ständige „a“ erzeugt eine warme, helle, offene Stimmung, die die Sommerstimmung unterstreicht.

Schreibaufgabe

o Beschreibe in ein paar Sätzen, was im Gedicht passiert. Welche Stimmung entsteht zwischen Anna und Jan?

o Schreib ein Mini-Gedicht, in dem alle Wörter einen bestimmten Vokal enthalten (zum Beispiel nur „e“).

Foto: Ionov Vitaly / Shutterstock.com

Vertraut 

Wie liegt die Welt so frisch und tauig
vor mir im Morgensonnenschein.
Entzückt vom hohen Hügel schau ich
ins grüne Tal hinein.

Mit allen Kreaturen bin ich
in schönster Seelenharmonie.
Wir sind verwandt, ich fühl es innig,
und eben darum lieb ich sie.

Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau'n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

(Wilhelm Busch)

Sommergedicht aus alter Zeit

Wilhelm Busch (1832–1908) war ein deutscher Dichter, Zeichner und Maler. Berühmt wurde er vor allem durch seine Bildergeschichten wie Max und Moritz, die mit Humor, Reim und Witz kleine Alltagsgeschichten erzählen. Er beobachtete die Menschen genau und zeigte in seinen Texten oft ihre Schwächen und Eigenheiten – mal lustig, mal nachdenklich.

Diskutiert in der Klasse

Besprich folgende Fragen mit deinen Mitschüler*innen:

o Was bedeutet „Vertrauen in die Welt“ für dich persönlich?

o Kennst du Momente, in denen du dich mit der Natur besonders verbunden gefühlt hast?

o Glaubst du, man kann auch in einer stressigen, modernen Welt noch so ein Gefühl der Harmonie spüren wie im Gedicht?

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