
REIMEREI – November 2026
Poe, Nevermore und Wednesday
Wednesday Addams besucht die „Nevermore Academy“ – eine düstere Schule für Außenseiter. Im Schulhof steht eine Statue des Dichters Edgar Allan Poe. Wir verraten dir mehr über den Meister des Unheimlichen und Horrors. Und wir erklären dir, was der Name „Nevermore“ mit dem Dichter zu tun hat.

Wer war Poe?
Edgar Allan Poe (1809–1849) war ein amerikanischer Schriftsteller und gilt als Meister des Unheimlichen. Seine Geschichten und Gedichte handeln oft von Angst, Geheimnissen, Wahnsinn und Tod. Zu seinen bekanntesten Erzählungen gehören „Der Untergang des Hauses Usher“, „Das verräterische Herz“ oder „Die Grube und das Pendel“.
Poes Leben war von Schwierigkeiten geprägt – Armut, Verlusten und Unsicherheit. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seinen Texten wider, die bis heute für ihre unheimliche Atmosphäre bekannt sind. Die düstere Stimmung seiner Werke beeinflusst noch immer Bücher, Filme und Serien. Dazu gehört auch die Streamingserie „Wednesday". Sie erzählt von Wednesday Addams, die an einer besonderen Schule rätselhafte Vorfälle untersucht. Die Serie ist gruselig und voller ungewöhnlicher Figuren. Der Name dieser Schule, Nevermore Academy, ist eine Anspielung auf Poes berühmtes Gedicht „Der Rabe“.

Nevermore
„Nevermore“ bedeutet „niemals wieder“. In dem berühmten Gedicht von Edgar Allan Poe krächzt ein unheimlicher Rabe immer wieder dieses eine Wort. Raben gelten als Todesvögel – nicht nur, weil sie Aas fressen und oft nach Schlachten über gefallenen Kriegern kreisten, sondern auch wegen ihrer schwarzen Farbe. In vielen Kulturen gilt der Rabe als Bote des Todes, aber auch als Hüter von Wissen und Erinnerung.
Besonders stark ist dieses Bild in der nordischen Mythologie. Der Gott Odin wird von zwei Raben begleitet: Sie heißen Huginn („Gedanke“) und Muninn („Erinnerung“). Sie fliegen jeden Tag über die Welt, beobachten die Menschen und berichten Odin von allem, was geschieht.
Edgar Allan Poe schildert in seinem Gedicht den mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem verzweifelten Mann. Dieser vermisst seine verstorbene Geliebte Lenore sehr. Er fragt den Raben, ob er sie eines Tages wiedersehen wird.
Der Rabe
von Edgar Allan Poe (gekürzt)
Der Erzähler sitzt in einer trüben Dezembernacht an einem verglimmenden Feuer und liest in alten Büchern, um den Tod seiner geliebten Lenore zu vergessen. Beim Lesen wird er immer müder, bis er plötzlich ein Geräusch hört.
Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig,
Sinnend saß und las von mancher längst verklung’nen Mähr’ und Lehr’
Als ich schon mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,
Hörte plötzlich ich ein Ticken an die Zimmertüre her;
„Ein Besuch wohl noch“, so dacht’ ich, „den der Zufall führet her –
Ein Besuch und sonst Nichts mehr.“
Er öffnet die Tür – aber draußen ist nichts als Dunkelheit. Zuerst versucht er, sich zu beruhigen, und glaubt, er habe sich getäuscht. Aber da hört er neuerlich das Klopfen. Diesmal am Fenster. Als er es öffnet, fliegt ein großer schwarzer Rabe herein und setzt sich auf eine Pallasbüste. Eine Büste ist eine Statue, die nur Kopf und Oberkörper zeigt. Sie stellt die Göttin Pallas Athene dar – die Göttin der Weisheit und Vernunft. So setzt sich bei Poe das Unerklärliche (der Rabe) auf die Vernunft (Pallas).
Riss jetzt das Fenster auf, und herein stolziert’ – o Wunder!
Ein gewalt’ger, hochbejahrter Rabe schwirrend zu mir her;
Flog mit mächt’gen Flügelstreichen, ohne Gruß und Dankeszeichen,
Stolz und stattlich sondergleichen, nach der Türe hoch und her –
Flog nach einer Pallasbüste ob der Türe hoch und her –
Setzte sich und sonst Nichts mehr.
Der Mann ist zuerst belustigt über das Verhalten des Vogels und fragt ihn nach seinem Namen. Die Antwort des Raben lautet: „Nimmermehr“. Und dieses Wort, also „Nevermore“, bleibt seine einzige Antwort.
Schließlich entschließt sich der Mann, den Raben nach Lenore zu fragen. Ist sie bei den Engeln? Wird er sie wiedersehen? Er nennt den Raben „Gram-Prophet“ – also einen Verkünder des Traurigen, einen Unglücksboten (sich grämen = traurig sein).
„Gramprophet!“ rief ich voll Zweifel, „ob Du Vogel oder Teufel!
Bei dem ew’gen Himmel droben, bei dem Gott, den ich verehr’ –
Künde mir, ob ich Lenoren, die hienieden ich verloren,
Wieder find’ an Edens Toren – sie, die thront im Engelsheer –
Jene Sel’ge, die Lenoren nennt der Engel heilig Heer!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“
Jetzt wird der Mann wütend und verzweifelt. Er schreit den Raben an und will ihn vertreiben. Doch der Vogel bleibt.
Und der Rabe weichet nimmer – sitzt noch immer, sitzt noch immer
Auf der blassen Pallasbüste ob der Türe hoch und her;
Sitzt mit geisterhaftem Munkeln, seine Feueraugen funkeln
Gar dämonisch aus dem dunkeln, düstern Schatten um ihn her;
Und mein Geist wird aus dem Schatten, den er breitet um mich her,
Sich erheben – nimmermehr!
Am Ende erkennt der Mann, dass er den Verlust Lenores niemals überwinden wird. Er bleibt gefangen in seiner Trauer und Hoffnungslosigkeit.
Du bist dran!
Beantworte folgende Fragen. Schreibe die Antworten in ganzen Sätzen auf.
- Warum liest der Erzähler mitten in der Nacht alte Bücher?
- Welche Stimmung herrscht im Zimmer?
- Warum wirkt der Rabe unheimlich?
- Was bedeutet das Wort „Nevermore“?
- Warum wird der Erzähler am Ende verzweifelt?
Der Rabe besucht dich
Stell dir vor, der Rabe aus Poes Gedicht erscheint eines Nachts an deinem Fenster.
- Überlege dir:
- Wie würdest du reagieren?
- Welche Frage würdest du dem Raben stellen?
- Fällt dir eine Frage ein, auf die die Antwort „Nevermore“ („Nimmermehr“) eine gute Nachricht wäre?
- Besprich deine Ideen anschließend mit deiner Sitznachbarin oder deinem Sitznachbarn.
Video-Tipp
Die Simpsons haben Poes Gedicht „Der Rabe“ in einer Halloween-Folge parodiert. Dabei übernimmt Homer die Rolle des Erzählers, während Bart den Raben spielt. Hier kannst du dir das Video ansehen:


