Auf dem Kurs der Menschlichkeit

Die Kapitänin Carola Rackete (31) hat im Sommer Schlagzeilen gemacht, weil sie entgegen aller Verbote ein Rettungsschiff mit 40 Flüchtlingen an Bord in den Hafen von Lampedusa steuerte. Und dafür jahrelange Haft riskierte.

Foto: Till M. Egen/Zuma/picturedesk.com

Carola Rackete kennt die Welt wie ihre Westentasche: Seit 2011 fährt die 31-jährige Kapitänin zur See, auf dem Wasserweg ist sie in alle Ecken der Erde geschippert – egal ob übers Nordpolarmeer, in die Antarktis oder Richtung China. Ende Juni wäre die gebürtige Kielerin, die Nautik und Naturschutzmanagement studiert hat, aber beinahe für lange Zeit im Gefängnis gelandet. Warum? Weil sie nach einer mehr als zweiwöchigen Irrfahrt mit einem Rettungsschiff den Hafen von Lampedusa ansteuerte – und damit 40 Flüchtlinge in Sicherheit brachte. Das Problem: Die Rettung war verboten.

So fing alles an

Aber der Reihe nach: Am 12. Juni hatte Rackete vor der Küste Libyens als Kapitänin der „Sea-Watch 3“ mit ihrem Team 53 Flüchtlinge und Migranten vor dem Ertrinken gerettet. 13 der Geretteten wurden aus medizinischen Gründen sofort in Italien an Land gelassen. Doch die restlichen 40 sollten quälende 17 Tage warten, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Der damalige italienische Innenminister Matteo Salvini, der der rechtsextremen Partei „Lega Nord“ angehört, hatte dem Rettungsschiff nämlich verboten, im nächst gelegenen Hafen – jenem der süditalienischen Insel Lampedusa – vor Anker zu gehen.

Als die Situation an Bord außer Kontrolle zu geraten schien und sogar Selbstmordgedanken laut wurden, fällte Rackete die Entscheidung, gegen das Verbot von Salvini zu handeln: Sie steuerte den Hafen von Lampedusa an. Dort wurde sie sogleich festgenommen, weil sie beim Anlegen ein italienisches Zollboot gestreift hatte, wofür sie sich sofort entschuldigte. Trotzdem wurde Rackete unter Hausarrest gestellt und von Salvini als „Kriminelle“ bezeichnet, der im Falle einer Verurteilung bis zu 13 Jahre Haft gedroht hätten.

Menschen retten und hinter Gittern landen?

In einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ sagte Rackete später: „Ich bin weiß, Deutsche, in einem reichen Land geboren und habe den richtigen Pass. Ich fühle die moralische Pflicht, denen zu helfen, die nicht die gleichen Chancen haben.“

Hinter Gittern landete die Kapitänin dann vorerst doch nicht: Der Hausarrest wurde nach wenigen Tagen wieder aufgehoben. Wohl auch deshalb, weil internationaler Protest gegen ihre Festnahme laut wurde. Dass die prominenten deutschen TV-Gesichter Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zum Zweck von Racketes Verteidigung eine Spendenaktion ins Leben riefen, die binnen kürzester Zeit fast eine Million Euro einbrachte, tat das ihrige dazu. Von italienischer Seite laufen die Ermittlungen gegen Rackete aber weiter: Ihr drohen bis zu 50 000 Euro Geldstrafe und zehn Jahre Haft wegen Widerstands und Gewaltanwendung gegen ein Kriegsschiff.

Ehrenmedaille

Am 10. September wurde Carola Rackete in Barcelona mit der Ehrenmedaille des katalanischen Regionalparlaments geehrt. Die Lobrede hielt Manchester-City-Trainer Pep Guardiola, der der Kapitänin – auf Deutsch – dankte und meinte: „Wir brauchen offene Häfen. Wenn diese Häfen noch geschlossen sind, müssen wir sie öffnen, um Menschlichkeit in jedem Land zu verankern.“

Kataloniens Parlament ehrt Carola Rackete