TOPIC Plus, Oktober 2022

Atomkraft für die Umwelt?

Es ist ein seltsamer Streit: Die einen sind für Atomkraftwerke, die anderen dagegen – und beide Seiten behaupten, sie wollen die Umwelt schützen. Wie kann man das verstehen?

Foto: TTstudio/Shutterstock.com

Atomkraftwerke haben schlimme Nachteile: Ein einziger schwerer Unfall kann eine Katastrophe auslösen. Das zeigte sich vor 36 Jahren im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der heutigen Ukraine: Man führte damals im Kraftwerk Tests durch, hielt sich nicht an die Vorschriften und die Anlage explodierte. Radioaktives Material wurde in die Luft geschleudert. Viele Menschen mussten aus ihrer Heimat abgesiedelt werden und eine radioaktive Wolke zog quer durch Europa. Wie viele Leute dadurch starben, kann niemand genau sagen, aber es waren wohl mehrere Tausend.

Außerdem entsteht in Atomkraftwerken immer auch Atommüll. Das radioaktive Material muss lange Zeit sicher gelagert werden, um Menschen und Natur nicht zu gefährden. Manche Länder verzichten aus diesen Gründen auf Atomkraftwerke – Österreich und Italien zum Beispiel. Deutschland betreibt noch immer Atomkraftwerke, möchte aber demnächst aus der Atomkraft aussteigen. In Frankreich oder Polen sieht man das anders: Dort sollen neue Atomkraftwerke gebaut werden. Politiker*innen der Europäischen Union haben Atomenergie sogar als „nachhaltig“ eingestuft. Wie kann das sein?

Woher soll unser Strom kommen?

Dass Atomkraft Nachteile hat, ist klar. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Das allein reicht noch nicht, um sie abzulehnen. Man kann nicht gegen etwas sein, nur weil es Nachteile hat, denn alles hat Nachteile. Die entscheidende Frage ist immer: Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Und sind diese Alternativen besser oder schlechter?
Und hier wird die Sache kompliziert. Denn die Möglichkeiten, elektrischen Strom zu erzeugen, sind von Land zu Land unterschiedlich: In Österreich gibt es hohe Berge und große Flüsse – das ist optimal für Wasserkraftwerke. Deshalb ist es für Österreich relativ leicht, auf Atomkraftwerke zu verzichten. Ganz gelingt uns das freilich trotzdem nicht: Wenn gerade mehr Strom benötigt wird, als die österreichischen Kraftwerke erzeugen, dann muss Strom aus anderen Ländern importiert werden – teilweise auch Atomstrom. Länder ohne große Flüsse können nicht auf Wasserkraft setzen. Dort kommt meist ein großer Teil der Elektrizität aus Kohle- und Gaskraftwerken, und das ist ein Problem. Kohlekraftwerke erzeugen nämlich gewaltige Mengen an Kohlendioxid und tragen damit massiv zur Klimakrise bei. Gaskraftwerke haben etwas weniger Kohlendioxid-Ausstoß, aber auch sie sind ausgesprochen klimaschädlich.

Kohle: schmutziger Klimakiller

Von allen Umweltproblemen, mit denen wir heute kämpfen, ist die drohende Klimakatastrophe wohl das gefährlichste. Genau das ist ein wichtiger Grund, warum manche Länder weiterhin auf Atomkraftwerke setzen wollen. Sie erzeugen nämlich elektrischen Strom ohne Kohlendioxid-Emissionen. So schwer die Nachteile von Atomkraftwerken auch wiegen – für das Klima sind sie besser.
Dazu kommt, dass Kohlekraftwerke nicht nur das Klima schädigen, sondern auch die Luft verschmutzen. Winzige Feinstaubpartikel aus der Kohleverbrennung können sich in der Lunge festsetzen und Krankheiten verursachen. Man schätzt, dass weltweit jährlich Hunderttausende Menschen an der Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke sterben. Selbst im Jahr 1986, als sich in Tschernobyl der schwerste Reaktorunfall aller Zeiten ereignete, starben viel mehr Menschen durch Kohlekraftwerke als durch Atomkraftwerke. Kohlekraftwerke zu bauen, um auf Atomkraftwerke verzichten zu können, ist also keine gute Idee.

Saubere Energie aus Wind und Sonne

Zum Glück sind Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke aber nicht die einzigen Möglichkeiten: Wir können zum Beispiel Solaranlagen und Windkraftwerke bauen. Das bringt zwar andere Schwierigkeiten mit sich, weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer bläst, aber man erzeugt damit keine klimaschädlichen Treibhausgase, man verschmutzt die Luft nicht und man muss sich nicht vor katastrophalen Explosionen fürchten. Langfristig werden Sonne, Wind und andere erneuerbare Energieträger wohl die wichtigsten Quellen für unseren elektrischen Strom sein. Wie man aber am besten und am schnellsten zu diesem Ziel gelangt, ist schwer zu sagen, und es ist von Land zu Land unterschiedlich. Vielleicht ist ein Atomkraftwerk manchmal das kleinere Übel, wenn man dafür ein Kohlekraftwerk schließen kann.

Eine echte Lösung zur Rettung des Klimas sind Atomkraftwerke aber wohl nicht – und zwar schon deswegen, weil sie ziemlich teuer sind und weil es sehr lange dauert, sie zu bauen. Vom Beschluss, ein Atomkraftwerk zu errichten, bis zum Tag, an dem es zum ersten Mal Strom liefert, können schon mal 20 Jahre vergehen. Und so viel Zeit haben wir nicht. Um das Klima zu retten, müssen wir sofort etwas ändern – nicht erst in 20 Jahren.

Ein Kommentar von Florian Aigner

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