VERNETZT – Juni 2026

Albtraum unter Palmen

Mira fährt ans Meer. Doch können sich ihre Eltern auf die Hotelbewertungen im Netz verlassen?

Foto: peter jeffreys / Shutterstock.com

Autorin: Sabine Steigenberger

„Hier, schaut mal! Das hat einen riesigen Pool und man kann Bananenboot fahren.“ Miras Vater beugt sich über den Laptop seiner Tochter.
„Ja, mein Schatz, das sieht sehr schön aus. Aber ... nur 3,5 von fünf möglichen Sternen. Und hier schreibt jemand, dass das Bad verdreckt und das Essen eine Zumutung ist. Ich glaube, das ist nichts für uns.“

Krieg der Sterne
Mira wird mit ihren Eltern in den Sommerferien nach Italien fahren. Im Internet sucht die Familie nach einem passenden Angebot.
„Ich glaube, ich habe gerade unser Hotel gefunden.“ Miras Mutter klickt begeistert auf den virtuellen Rundgang. „Ja, das ist mega.“ Mira hat gesehen, dass es zwei lange Wasserrutschen gibt. Die beiden schauen erwartungsvoll zu Miras Vater. „Bewertung: 4,5 Sterne, Preis okay – wir buchen!“

Leo gibt dem italienischen Hotel mit den Wasserrutschen sogar fünf Sterne. Er findet: „Die Zimmer sind geräumig und äußerst sauber. Die Anlage wirkt sehr gepflegt und das Servicepersonal ist überaus freundlich. Unser Aufenthalt war einfach perfekt und ich würde jederzeit wieder hier Urlaub machen.“
Leo ist Student. Er muss für eine große Prüfung lernen – fürs Reisen hat er gerade keine Zeit. In Italien war er noch nie, auch nicht im Hotel mit den Wasserrutschen, das Mira mit ihrer Familie besuchen wird. Wie kann er dann wissen, dass die Zimmer dort sauber sind?
Leo weiß das gar nicht. Er bewertet das Hotel nur, weil er Geld dafür bekommt. „Das ist ein schöner Nebenjob für mich“, erzählt er. „Und es ist abwechslungsreich.“

Schön geschummelt
Leo gibt auch zu Handys, Küchengeräten und Apps Kommentare ab. Unter falschem Namen versteht sich. „Damit die Postings echt wirken, baue ich teilweise sogar absichtlich Rechtschreibfehler ein“, erzählt Leo.
Auf die Frage, ob er kein schlechtes Gewissen habe, die Leute an der Nase herumzuführen, meint er: „Manchmal schon. Aber es ist eben eine neue Form der Werbung. Und ich kann die Kohle gut gebrauchen.“

Lesefertigkeit

Die sechs Sätze des nächsten Absatzes sind leider durcheinandergeraten. Bringe sie wieder in die richtige Reihenfolge. Lies dann den Absatz mehrmals halblaut.

Hier geht es zur Lösung.

(A) Man hört lieber auf Bewertungen von anderen Nutzer*innen.
(B) Was kann das neue Handy?
(C) Wo liegen seine Schwächen?
(D) Schließlich erfährt man so aus erster Hand, ob das Handy etwas taugt.
(E) Natürlich will man sich dabei nicht nur darauf verlassen, was der Hersteller über das Gerät sagt.
(F) Immer mehr Kund*innen informieren sich im Internet, bevor sie etwas kaufen.

Totaler Fehlkauf
Doch nicht alle Postings im Internet sind echt. Expert*innen gehen davon aus, dass etwa vier Prozent der Produktbewertungen gefälscht sind. Firmen bezahlen dann Leute wie Leo dafür, besonders positive Kommentare zu schreiben – auch wenn sie das Produkt nie ausprobiert haben. Auch KI wird immer häufiger genutzt, um solche Fake-Bewertungen zu erstellen.
Manche Firmen gehen noch weiter und lassen absichtlich schlechte Bewertungen über Konkurrenten veröffentlichen. So wird das Hotel in der Nachbarbucht schnell zum „Albtraum unter Palmen“.

Heißt das, wir sollten keine Online-Bewertungen mehr lesen? Natürlich nicht. Aber wir sollten kritisch bleiben. Hat ein Produkt viele Bewertungen, ist die Chance größer, dass das Gesamtbild stimmt. Und je persönlicher ein Lob oder eine Kritik verfasst ist (vielleicht ergänzt durch Fotos), desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Kommentar echt ist.

Mira freut sich schon auf den Sommerurlaub in Italien. Danach möchte sie selbst eine Bewertung über das Hotel mit den Wasserrutschen schreiben – und vielleicht sogar fünf Sterne vergeben.

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