REIMEREI – Februar 2026

Sei weise!

Weisheit – das klingt nach alten Büchern, Philosophen mit weißen Bärten und stillen Klosterhöfen. Aber hat Weisheit auch etwas mit dir zu tun? Mit dem echten Leben? Wir gehen der Frage nach und suchen die Antworten in Gedichten und klugen Sprüchen aus unterschiedlichen Zeiten.

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Der Stein der Weisen

Ein Gedicht nach William Shakespeare

Halt', was du verheiß'st,

verschweig, was du weißt,

hab' mehr, als du leih'st,

sei wachsam im Geist,

so find'st du den Stein

der Weisen allein.

Der Stein der Weisen ist ein legendärer, geheimnisvoller Stein. Man glaubte, er könne unedle Metalle wie Blei in Gold verwandeln und sogar ein Elixier des ewigen Lebens herstellen. Viele Alchemisten suchten ihn – jahrhundertelang – vergeblich. Der „Stein der Weisen“ steht aber auch symbolisch für ein erfülltes und kluges Leben.

Das Gedicht „Der Stein der Weisen“ geht ursprünglich auf eine Stelle aus dem Theaterstück „König Lear“ des englischen Dichters William Shakespeare zurück. Die Version hier ist eine freie Nachdichtung in deutscher Reimform. Sie verrät uns keine Zauberformel – aber einen Weg zur Weisheit.

Jetzt bist du dran!

o Überlege dir: Welche vier Eigenschaften, die hier aufgelistet sind, werden im Gedicht genannt und welche kommen darin nicht vor? 

Verlässlichkeit, Mut, Verschwiegenheit, Achtsamkeit, Abenteuerlust, Sparsamkeit, Großzügigkeit, Prahlerei

o Vergleicht eure Ergebnisse in der Klasse! 

o Diskutiert, welche Eigenschaft ihr am wichtigsten findet – und warum?

Kurz, aber tief

Weise zu sein heißt nicht unbedingt, der oder die Klassenbeste zu sein. Weise Menschen zweifeln, hören zu und stellen Fragen. Sie beeindrucken nicht durch Lautstärke, sondern durch Tiefe.

Über viele Jahrhunderte hinweg haben Menschen über Weisheit nachgedacht. Die folgenden Sätze stammen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten. Welche sprechen dich besonders an – und warum?

  • „Weisheit beginnt mit der Erkenntnis der eigenen Unwissenheit.“
     
  • „Nicht der ist weise, der viel weiß, sondern der, der Nützliches weiß.“
     
  • „Der Weise fragt nicht: ‚Was habe ich davon?‘, sondern: ‚Was ist das Richtige?‘“
     
  • „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“
     
  • „Der Tor hält sich für weise, der Weise weiß, dass er ein Tor ist."
     
  • „Weisheit bedeutet zu wissen, was man besser ignorieren sollte."
     
  • „Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist die Fähigkeit zur Beobachtung ohne Urteil.“
     
  • „Weise ist, wer nicht alles sagt, was er denkt.“
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Sei weise!

 

Ein Gedicht von Karl May

Geh nicht zu denen, welche von sich reden;

sie kennen nur das eigne, liebe Ich.

Ein feines Ohr vermeidet die Trompeten;

der Weise hält am liebsten sich für sich.

 

Geh nicht zu denen, welche von sich schweigen;

auch sie verehren nur ihr liebes Ich.

Sie wollen sich als große Schweiger zeigen;

der Weise hält am liebsten sich für sich.

 

Und musst du doch als Mensch zu Menschen gehen.

So sprich und schweig, doch beides nicht für dich.

Das Sprechen sei für die, die dich verstehen.

Das Schweigen für der andern liebes Ich.

Karl May, der Autor vieler Abenteuerromane – zum Beispiel von „Winnetou“ – rät: Sprich, wenn es sinnvoll ist. Aber dann so, dass dich der andere versteht. Schweige, wenn es dem anderen hilft. 

Du bist dran!

o Überlege: Was könnte Karl May mit dem Satz gemeint haben: „… der Weise hält am liebsten sich für sich.“?

- Der Weise ist am liebsten allein und verachtet die anderen Menschen. 

- Der Weise meidet jede Form von Selbstdarstellung.

- Er teilt sein Wissen nie mit anderen.

o Vergleicht eure Lösungen und diskutiert in der Klasse:

- Warum ist es manchmal klüger, leise zu bleiben, statt sich in den Mittelpunkt zu stellen?

- Kennt ihr jemanden, der auf euch weise wirkt?

- Wann habt ihr euch schon einmal weise verhalten?

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