REIMEREI – September/Oktober 2026

Ein Wow auf die Natur

Der Herbst bringt fantastische Tage: tiefblauen Himmel, klare Luft und die letzten warmen Sonnenstrahlen. Denkst du dann auch: „Wow, wie schön ist doch die Natur!“ Und hast du in solchen Momenten ein Gefühl der Dankbarkeit? Wir lernen heute zwei Menschen kennen, die dieses Gefühl auf wunderbare Weise ausgedrückt haben: Franz von Assisi und Rainer Maria Rilke. Beide werden in diesem Jahr besonders gefeiert.

Foto: Valery Zotev / Shutterstock.com

Der Sonnengesang von Franz von Asissi
(gekürzt)

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder Sonne, 
der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz: von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Mond und die Sterne,
am Himmel hast du sie geformt, klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken, heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.

Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser,
sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer,
durch den du die Nacht erhellst.
Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt,
mit bunten Blumen und Kräutern.

800 Jahre Franz von Assisi

Franziskus wurde in der Stadt Assisi in der Mitte Italiens geboren. Seine Eltern waren durch den Handel mit Stoffen reich geworden. Doch Franziskus wollte anders leben: einfach und arm – so wie sein Vorbild Jesus.
Viele junge Männer waren von seiner Lebensweise begeistert und so entstand der Franziskanerorden – eine Gemeinschaft von Mönchen.
Franz von Assisi starb am 3. Oktober 1226, also vor genau 800 Jahren. In der katholischen Kirche wird er als Heiliger verehrt.

Der Sonnengesang

Franz von Assisi war schon schwach, krank und fast blind, als er dieses Lied dichtete: das „Loblied der Geschöpfe“, bei uns als Sonnengesang bekannt. Er lag in einer einfachen Hütte auf dem Boden, und sogar Mäuse liefen über ihn hinweg. Doch statt zu jammern oder zu verzweifeln, schrieb er diesen wunderbaren Text. Der Sonnengesang ist mehr als ein altes Gedicht. Er ist eine Melodie fürs Leben.

Du bist dran!

1. Arbeite mit einer Partnerin oder einem Partner. Sprecht gemeinsam über diese Fragen:

  • Warum nennt Franz von Assisi die Natur „Bruder“ und „Schwester“?
  • Worin unterscheidet sich sein Blick auf die Natur von unserem heutigen Umgang mit ihr?
  • Was hat der Sonnengesang mit Umweltschutz zu tun?

Achtet darauf, dass ihr euch gegenseitig zuhört und eure Meinungen begründet.

2. Jetzt darfst du kreativ sein:

Beschreibe eine Situation, in der du die Natur besonders schön gefunden hast. Was hast du gesehen, gehört oder empfunden?

Foto: irin-k / Shutterstock.com

Herbsttag von Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

100 Jahre Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1875 in Prag, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte.
Er wurde in letzter Zeit gleich doppelt gefeiert: 2025 jährte sich sein 150. Geburtstag, und heuer sein 100. Todestag. Rilke starb am 29. Dezember 1926 in der Schweiz an Leukämie.

Damit du das Gedicht besser verstehst:

  • In der ersten Strophe wendet sich der Dichter direkt an Gott. Rilke beschreibt ihn als mächtiges Wesen, das seinen Schatten auf die Sonnenuhren wirft und auf den Fluren (den kahlen Feldern) die Winde loslässt – wie rasende Windhunde.
  • In der zweiten Strophe bittet der Dichter um letzte Sommertage, damit die Früchte richtig reif werden können.
  • In der letzten Strophe spricht Rilke zu sich selbst. Nachdenklich beschreibt er, wie ein einsamer Mensch seine dunklen Herbsttage verbringt. 

Jetzt bist du dran!

Diskussion 
Sprecht zu zweit oder in der Gruppe über die Fragen:

  • Wie verknüpft der Dichter das Leben eines Menschen mit dem Geschehen in der Natur?
  • Für welche Lebensphase könnte der Herbst stehen?
  • Was passiert, wenn die Früchte nicht richtig reif werden können? Was könnte das übertragen für ein Menschenschicksal bedeuten?

Schreibübung
Welche Stimmung verbindest du mit dem Herbst? Schreibe eine moderne Kurzversion des Gedichts und baue Dinge aus deinem Alltag ein (z. B. mit Handy, Stadt, Schule).

Besonders gefühlvoll wird dir das Gedicht in diesem Video vom deutschen Schauspieler Otto Sander vorgelesen.

Videoquelle: Lyrik für Puristen / YouTube

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