
REIMEREI – April 2026
Die geheimen Muster der Gedichte
Gedichte sind nicht nur schöne Worte – sie haben einen Klang und einen Rhythmus. Reime helfen dabei, dass ein Gedicht ins Ohr geht und im Kopf bleibt. Aber Reim ist nicht gleich Reim! Hier lernst du die wichtigsten drei Reimarten kennen – mit Beispielen aus der Literatur.

1. Paarreim (aa bb)
Beim Paarreim reimen sich jeweils zwei aufeinanderfolgende Verse. Das klingt besonders geschlossen und harmonisch.
Bewaffneter Friede
Ganz unverhofft an einem Hügel (a)
sind sich begegnet Fuchs und Igel. (a)
Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht! (b)
Kennst du des Königs Order nicht? (b)
Ist nicht der Friede längst verkündigt, (c)
und weißt du nicht, dass jeder sündigt, (c)
der immer noch gerüstet geht? (d)
Im Namen seiner Majestät, (d)
Geh her und übergib dein Fell, (e)
Der Igel sprach: Nur nicht so schnell. (e)
Lass dir erst deine Zähne brechen, (f)
dann wollen wir uns weiter sprechen! (f)
Und allsogleich macht er sich rund, (g)
schließt seinen dichten Stachelbund (g)
und trotzt getrost der ganzen Welt. (h)
Bewaffnet, doch als Friedensheld. (h)
Das Gedicht stammt von Wilhelm Busch (1832–1908). Er schrieb gereimte Geschichten und Bildergeschichten, zum Beispiel „Max und Moritz“. In seinem Gedicht „Bewaffneter Friede“ treffen ein Fuchs und ein Igel auf einem Hügel aufeinander. Der Fuchs fordert den Igel auf, sein Fell abzugeben und sich an die Regeln des Königs zu halten, da jeder, der noch Waffen trage, gegen den Frieden verstoße. Doch der Igel verteidigt sich clever mit seinem Stachelkleid.
Jetzt bist du dran!
Paarreime sind besonders beliebt und werden oft in Songs verwendet. Suche in einem aktuellen Liedtext zwei aufeinanderfolgende Zeilen, die sich reimen. Schreibe diese Zeilen auf und markiere die Reimwörter.
Vergleicht eure Ergebnisse anschließend in der Klasse.

2. Kreuzreim (abab)
Beim Kreuzreim reimen sich die erste und dritte Zeile sowie die zweite und vierte Zeile.
Der Zauberlehrling
(Auszug)
Hat der alte Hexenmeister (a)
Sich doch einmal wegbegeben! (b)
Und nun sollen seine Geister (a)
Auch nach meinem Willen leben. (b)
Seine Wort’ und Werke (c)
Merkt’ ich und den Brauch, (d)
Und mit Geistesstärke (c)
Tu’ ich Wunder auch. (d)
Und nun komm, du alter Besen! (e)
Nimm die schlechten Lumpenhüllen! (f)
Bist schon lange Knecht gewesen; (e)
Nun erfülle meinen Willen! (f)
Auf zwei Beinen stehe, (g)
Oben sei ein Kopf, (h)
Eile nun und gehe (g)
Mit dem Wassertopf! (h)
Das Wechselspiel des Kreuzreims wirkt lebendig und abwechslungsreich und eignet sich gut für die bekannte Ballade von Johann Wolfgang von Goethe. Man hört förmlich, wie der Besen sich selbstständig macht.
Jetzt bist du dran!
Schreibe ein eigenes kurzes Gedicht, in dem sich die 1. und 3. sowie die 2. und 4. Zeile reimen. (Tipp für Reimkünstler*innen: Verwende nicht nur Wörter wie Haus/Maus oder Herz/Schmerz.)
Lest euch die Gedichte gegenseitig vor.

3. Umarmender Reim (abba)
Hier „umarmen“ die Reimwörter am Anfang und Ende die beiden mittleren Verse. Das wirkt wie ein Rahmen und gibt dem Gedicht eine harmonische, feierliche Wirkung.
Sommerliche Nachmittagsstunde
Die Libellen über dem Bach (a)
Sind wie von schwingendem Glas umgeben. (b)
Die Schwalben schweben (b)
Dicht am Boden den taumelnden Fliegen nach. (a)
Durch Busch und Baum (c)
Duftet schwerer die Heumahd herüber; (d)
Unmerklich trüber (d)
Wird der horizontene Saum. (c)
Der flutende Schein (e)
Der Sonne will jählings verfließen (f)
In die fernen, flockigen Wiesen (f)
Fällt Donner ein. (e)
Alfons Petzold (1882–1923) war ein österreichischer Dichter, der vor allem für seine Naturlyrik bekannt ist. In seinem Gedicht „Sommerliche Nachmittagsstunde“ fängt er die Atmosphäre eines heißen Sommertages ein.
Was heißt ...
Heumahd: frisch geschnittenes Gras, das zu Heu getrocknet wird
der horizontene Saum: die Linie, an der Himmel und Landschaft aufeinandertreffen
flockige Wiesen: Wiesen, die durch Blüten so wirken, als wären sie leicht und weich – wie kleine Watteflocken
Jetzt bist du dran!
Schreibe vier Zeilen über ein Thema deiner Wahl (z. B. Natur, Freundschaft, Sommer oder Tiere). Achte darauf, dass sich die erste und vierte Zeile und die die zweite und dritte Zeile reimen (abba). Versuche, dein Gedicht bildhaft zu gestalten, sodass man die Szene „vor Augen“ hat – so wie in Petzolds „Sommerliche Nachmittagsstunde“.
Lest euch eure Zeilen in der Klasse gegenseitig vor.


