Viele europäische Länder haben die Wahl in Ungarn mit großer Spannung verfolgt. Das Land ist Mitglied der Europäische Union, und Entscheidungen dort beeinflussen auch die Zusammenarbeit in Europa. Deshalb hat das Wahlergebnis Bedeutung für uns alle.
Autor: Stephan Scharinger
TOPICdigi NEWS
Machtwechsel in Ungarn
Ungarn hat gewählt, und das Ergebnis bedeutet eine große Veränderung. Nach vielen Jahren an der Macht verliert Viktor Orbán seine führende Rolle. Die neue Partei TISZA und ihr Chef Péter Magyar stellen das bisherige System infrage und wollen vieles verändern. Für Ungarn beginnt damit ein neuer Abschnitt in der Politik.
Ungarn seit 1989: Vom Umbruch zur Demokratie
Mit dem Ende des Kalten Krieges begann für Ungarn 1989 der Übergang von einer Diktatur zu einer Demokratie. Das Land öffnete seine Grenzen, führte freie Wahlen ein und wurde später Mitglied der Europäischen Union (seit 2004). Viele Menschen hofften auf mehr Freiheit, eine bessere Wirtschaft und eine enge Zusammenarbeit mit Europa. Gleichzeitig war der Wandel hin zur Demokratie aber ein langfristiger Prozess, weil sich ein Land nicht von heute auf morgen komplett verändern kann. Zum Beispiel mussten erst neue Gesetze geschaffen und demokratische Institutionen (z. B. Parlament, Gerichte) aufgebaut werden.
Was heißt ...
Kalter Krieg: ein Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion (ein früherer großer Staat in Osteuropa), bei dem es keinen direkten Krieg gab, aber große politische Spannungen und einen Wettlauf um immer stärkere Waffen

Der langjährige Regierungschef und die „illiberale Demokratie“
Viktor Orbán ist seit den 1990er-Jahren ein wichtiger Politiker in Ungarn. Er war von 1998 bis 2002 schon einmal Ministerpräsident (also der Chef der Regierung). 2010 kam er mit seiner Partei Fidesz erneut an die Macht. Der Name „Fidesz“ steht ursprünglich für „Bund Junger Demokraten“ (ungarisch: Fiatal Demokraták Szövetsége) und zeigt, dass die Partei in ihren Anfängen eher liberal war, also für Offenheit und persönliche Freiheit stand. Unter Orbán wurde sie aber konservativer und nationalistischer. Das bedeutet, dass sie stärker traditionelle Werte bewahren wollte und das eigene Land besonders in den Mittelpunkt stellte. Ein Beispiel dafür ist die Migrationspolitik: Während eine eher liberale Politik dafür ist, Füchtende aus anderen Ländern aufzunehmen, betonte Orbán, dass Ungarn seine Grenzen stärker schützen soll.
Orbán nannte sein System eine „illiberale Demokratie“: Es gab zwar Wahlen, aber gleichzeitig wurden Medien stärker kontrolliert und Gerichte waren weniger unabhängig. Trotzdem wurde Orbán lange Zeit von vielen Menschen unterstützt, weil er Sicherheit und Stabilität versprach.
Auch in der Außenpolitik ging Viktor Orbán oft eigene Wege. In der Europäischen Union blockierte er manchmal gemeinsame Entscheidungen, und während viele EU-Staaten kritisch gegenüber Russland waren, hielt Orbán engen Kontakt zu Wladimir Putin. Im Wahlkampf bekam Orbán auch Unterstützung aus den USA: Präsident Donald Trump lobte ihn öffentlich und Vizepräsident JD Vance reiste sogar nach Ungarn, um Sympathie für Orbáns Politik zu zeigen. Das kam bei seinen Anhängern gut an, wurde aber von vielen Ungarinnen und Ungarn als Einmischung gesehen.

Die Wahl 2026 bringt eine politische Wende
Mit der Partei TISZA ist ab 2024 in kurzer Zeit eine neue politische Kraft entstanden. Sie versteht sich als Gegenmodell zu Orbáns System. Der Name „TISZA“ ist die Abkürzung für Tisztelet és Szabadság („Respekt und Freiheit“). Unter der Führung von Péter Magyar hat die Partei vor allem bei jungen Menschen und in Städten viele Unterstützer*innen gewonnen, weil diese Gruppen oft offen für Veränderungen sind und sich eine andere Politik wünschen. Magyar war selbst lange Zeit im Umfeld von Orbáns Partei Fidesz tätig. Viele Ungarinnen und Ungarn halten ihn für glaubwürdig, weil er das System von innen kennt und es nun offen kritisiert.
Auch steigende Preise und Fälle von Machtmissbrauch in der Politik haben zu einer großen Unzufriedenheit im Land geführt. TISZA verspricht mehr Offenheit, stärkere demokratische Institutionen und eine engere Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Dadurch könnte Ungarn mehr Geld aus der EU bekommen, das wegen Orbáns Politik zuletzt teilweise nicht ausgezahlt wurde.
Bei der Parlamentswahl am 12. April 2026 hat die Partei einen klaren Sieg errungen. Sie erreichte mit rund 53 Prozent der Stimmen eine Zweidrittelmehrheit im Parlament (138 von 199 Abgeordneten; Stand: 13. April 2026). Dieses starke Ergebnis hat zur Folge, dass die junge Partei TISZA Änderungen in der ungarischen Verfassung machen kann. Dort stehen die wichtigsten Regeln, die in einem Staat gelten.
Die bisherige Regierungspartei Fidesz hat deutliche Verluste erlitten und nach 16 Jahren die Mehrheit verloren. Viktor Orbán erkannte seine Niederlage noch am Wahlabend an. Damit steht Ungarn vor einem politischen Neubeginn, dessen Auswirkungen sich in den kommenden Regierungsjahren zeigen werden.
Bringe diese Ereignisse in die richtige Reihenfolge. Erstelle auf einem Blatt Papier einen Zeitstrahl und ergänze die passenden Jahreszahlen.
- Wahlsieg der Partei TISZA
- Ungarn wird Mitglied der Europäischen Union
- Viktor Orbán kommt erneut an die Macht
- Ende der Diktatur in Ungarn
- Péter Magyar wendet sich vom Fidesz-System ab und gründet die Partei TISZA
Diskutiert in der Klasse
Der Fernsehsender BR24 berichtet in einer Nachrichtensendung über den Ausgang der Wahl in Ungarn. Schaut euch das Video an unter www.youtube.com/watch?v=-KklO28uKX8 (11:22 min). Diskutiert anschließend die folgenden Fragen in der Klasse:
- Warum war das Ergebnis dieser Wahl mehr als nur ein „normaler“ Regierungswechsel?
- Welche Folgen könnte der Ausgang der Wahl nun für die anderen Länder in der EU haben?
Talkshow
Ihr habt nun vieles über die Geschichte Ungarns und die Wahl erfahren.
Führt eine Talkshow in eurer Klasse durch. Ihr braucht dafür:
- eine*n Moderator*in
- eine*n Vertreter*in von Fidesz
- eine*n Vertreter*in von TISZA
- eine*n junge*n Wähler*in
- eine*n Vertreter*in der EU
- eine*n Journalistin.
Die folgenden Rollenbeschreibungen können dabei helfen:
Moderator*in
… leitet die Diskussion, stellt Fragen und achtet darauf, dass alle zu Wort kommen. Bleibt neutral und fasst zwischendurch Positionen zusammen. Ziel: eine faire und verständliche Diskussion.
Vertreter*in von Fidesz (Orbán-Lager)
… verteidigt die Politik der letzten Jahre. Betont Stabilität, nationale Interessen und wirtschaftliche Sicherheit. Sieht Kritik an Ungarn oft als ungerecht oder von außen gesteuert.
Vertreter*in der Partei TISZA (Magyar-Lager)
… steht für politischen Neuanfang. Fordert mehr Transparenz, weniger Korruption und eine stärkere Zusammenarbeit mit der EU. Kritisiert das bisherige System als zu wenig demokratisch.
Junge*r Wähler*in
… spricht aus persönlicher Sicht. Thematisiert Alltagserfahrungen: steigende Preise, Zukunftschancen, Vertrauen in Politik. Kann unsicher sein, ob sich wirklich etwas ändern wird.
EU-Vertreter*in
… blickt von außen auf Ungarn. Betont die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit, Zusammenarbeit und gemeinsamen Regeln. Kritisiert frühere Blockaden, zeigt aber Interesse an einem Neuanfang.
Journalist*in
… stellt kritische Nachfragen an alle Seiten. Hinterfragt Aussagen, fordert Belege und versucht, Widersprüche sichtbar zu machen. Bringt zusätzliche Informationen ein.


